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Kunstunterricht als Alternative

Kunst und Kunstwerk formulieren besondere Wahrheiten Die Idee, dass in der Kunst und im Kunstwerk eine Wahrheit von besonderer Art in einer spezifischen Formulierung sich zeige, ist eine der zentralen Annahmen des ästhetischen Kunstbegriffs (zum ästhetischen Paradigma siehe Vilks, 2001). Die Wahrheit äußert sich in der besonderen Form des Werkes. Diese Annahme war zentral für die Umgestaltung des Zeichenunterrichts in den Kunstunterricht, so wie sie seit der Kunsterzieherbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurde (siehe. 1. Kunsterziehertag). Aufgrund dieser Annahme ließ sich überhaupt erst der Kunstunterricht als das begründen, was er dann im Laufe des 20. Jahrhunderts geworden ist.
Kunst und Kunstpädsgogik bieten alternative Weltsichten und Weltzugänge Die Idee der Wahrheit und der damit verbundene Autorität lässt sich heute allerdings so nicht mehr halten, einem jeden ist klar geworden, dass Wahrheiten so wie die Wirklichkeit relativ sind, auf Übereinkünften beruhen und letzten Endes Instrumente der Macht sind. Weder die Kunstwissenschaft und schon gar nicht die aus der Reformpädagogik stammende Kunstpädagogik können weiterhin auf dem besonderen Wahrheitsanspruch bestehen.
Die Idee der besonderen Wahrheit wurde in den letzten Jahren von der Idee abgelöst, die Kunst und mit ihr auch der Kunstunterricht stelle alternative Weltsichten und Weltzugängen zur Verfügung und zur Debatte und mache so die Erfahrung der Differenz möglich. Die Alternative besteht gegenüber der gesellschaftlich konstruierten und akzeptierten Wirklichkeit. Diese ist konstruiert und damit potentiell falsch. In der Tradition der Kunst (etwa abgeleitet aus SCHILLERS Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen.) wird der Mainstream immer schon der Falschheit verdächtigt. Wer diese falsche Konstruktion kritisiert, meint für sich in Anspruch nehmen zu können, dass seine Sicht weniger falsch ist als die kritisierte, eben weil sie diese als falsch zeigt.
Kunst als Parallelwelt

Kunstwerke als kritische Potentiale
Die Kunst wird in diesem Modell als eine Art Parallelwelt oder eben ein eigenes System verstanden, das sich nicht oder nur teilweise an die Regeln der allgemeinen Welt halten muss und so eine Plattform zur Beobachtung und Kritik dieser Wirklichkeit zur Verfügung stellt. Die gesellschaftliche Wirklichkeit wird unter anderem mit Hilfe von Bildern konstruiert. Weil diese Bilder Bestandteil der falschen Wirklichkeit sind, eignen sie sich nicht zur Befreiung aus ihr. Ganz anders die Werke der Kunst, die ja dezidiert als außerhalb stehend konstruiert und verstanden werden. So gelten sie als nicht besonders geeignet für den Unterricht.
Kunstpädagogik als Alternative zur Schule und deren Rettung Nebenbei:
Mit Hilfe der Idee der Alternative und der Differenz ist es der Kunstpädagogik gelungen, den Anspruch auf ihre Sonderstellung, die sie zunächst aus der Ästhetik gewonnen hat, auch in die Gegenwart zu retten, obwohl die Kunst längst institutionell bestimmt ist. So wie die Kunst sich als bessere Alternative zur herrschenden Weltsicht anpreist, preist sich die Kunstpädagogik in der Debatte um Konsequenzen aus dem PISA-Debakel als die Alternative zum für schlecht befundenen Schulsystem, auch hier mit einem ähnlichen Motto: Wir haben es schon immer anders – und damit besser gemacht.
Franz Billmayer 30.8.2007